Arbeitskreise
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Widerstand ist (k)eine Sache des kleinen Mannes

(von Thomas Witzgall)
Vor siebzig Jahren, am 8. November 1939 explodierte im Münchner Bürgerbräukeller ein dort vom Schreiner Georg Elser platzierter Sprengsatz. Das Ziel des Anschlags, Adolf Hitler und die engste Führung des NS-Staats,hatten allerdings den Ort – ungewöhnlich früh - schon verlassen. So fielen der Bombe sieben „alte Kämpfer“ und eine Kellnerin zum Opfer. Viele weitere Anwesende wurden verletzt. Georg Elser wurde noch am Abend mehr zufällig beim Versuch in die Schweiz zu fliehen in Konstanz festgenommen.

Beim Verhör durch die Gestapo gestand er später dann die Tat. Elser wurde als „Sonderhäftling des Führers“ in mehreren KZs für einen Schauprozess nach dem „Endsieg“ gefangen gehalten und dann kurz vor Kriegsende, am 9.April 1945 ermordet.

Als Motiv äußerte Elser im Verhör neben der Verschlechterung der Situation der Arbeiterschaft vor allem die Kriegspläne der NS-Regierung. Nach dem Münchner Abkommen 1938 war Elser überzeugt, dass Hitler Krieg wollte. Über ein Jahr lang plante er ohne Mitwisser akribisch sein Attentat. Den Krieg konnte er nicht mehr verhindern, denn wenige Wochen vorher wurden Elsers Befürchtungen durch den deutschen Überfall auf Polen Wirklichkeit.

Die Erinnerung und das Gedenken an die verschiedenen Widerständler und Widerstandsgruppen war nach dem Krieg schwierig. Lange wurden sie als Verräter angesehen. Spätestens mit der Wiederbewaffnung brauchte man aber positive Bezugspunkte, gleich welcher Art, auch wenn sich die alten Vorurteile in der Bevölkerung teils noch bis heute halten.
„An Stauffenberg, dem Adligen, dem hohen Militär mit abendländischer Bildung, kann sich die deutsche Elite festhalten und sich der Illusion hingeben, dass man Verbrechen begangen oder hingenommen hatte, aber im Kern anständig blieb. Dass Stauffenberg Anti-Demokrat war und sich erst gegen Hitler stellte, als er den Krieg verloren sah, geht in der öffentlichen Helden-Verehrung meistens unter. […]Und bei jedem Gedenken im Bendlerblock fällt auch immer etwas Glanz des Widerstands auf deutsche Soldaten - ablenkend von den Verbrechen der Wehrmacht.“ (Hans-Hermann Kotte in der Frankfurter Rundschau) Ähnliche Beweggründe ließen sich auch bei anderen Organisationen finden, beispielsweise den Kirchen, um die eigene Rolle zu verklären.

Für Einzeltäter wie Elser gab es solche interessierten Gruppen nicht. Auch in die Erinnerungskultur der DDR passte Elser trotz Sympathien für die KPD nicht so richtig, trat er doch deren Widerstandsgruppen nicht bei. So fand ein Gedenken seiner Tat erst in den 1990er Jahren statt - ins Licht gerückt vor allem durch das Engagement einzelner Personen in Elsers Heimatstadt Königsbronn und in München. Zu sehr ist Elser, der zu Hause auch öffentlich den Hitler-Gruß und die Teilnahme an den Großdemonstration des Regimes verweigerte, ein Angriff auf das Selbstbild und die zurechtgelegten Ausflüchte der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die sich wie folgt zusammenfassen lassen könnten:

„Nazis hat es nur wenige gegeben, man selbst war von Hitler verführt und betrogen worden und von den Alliierten dafür ungerechtfertigter Weise mit Bombenkrieg überzogen worden. In dem kollektiven Zwangssystem gab es keinerlei Ausweg und keinerlei Möglichkeit zum Widerstand.“

Auch wenn der 8.November nicht an den zum „nationalen Gedenktag“ avancierten 20.Juli herankommt, scheint das Gedenken an Elser inzwischen einigermaßen etabliert. Elser hat Aufnahme in die Gedenkstätte Deutscher Widerstand gefunden. Bundesweit sind mehr als 20 Straßen und Plätze sowie drei Schulen nach Elser benannt. Allerdings wird nach wie vor mit Rücksicht auf das deutsche Selbstbild als Opfer die konkrete Bedeutung von Elsers Handeln und Tun meist ausgeblendet.

Aber selbst dieses halbherzige Gedenken an Elser ist Angriffen ausgesetzt - nicht nur von Hitlerverehrern und Rechtsextremisten, die z.B. vor kurzem in München die Einweihung einer Gedenktafel störten. Der wohl schwerwiegendste Angriff erfolgte zum 60. Jahrestag des Attentats durch den Chemnitzer Wissenschaftler und Mitarbeiter am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung, Lothar Fritze, unterstützt durch seine wissenschaftlichen Mentoren, den beiden Extremismusforschern Backes und Jesse (Jahrbuch Demokratie und Extremismus).

Fritze spricht Elser konkret das Recht zum Anschlag ab, auch wenn Hitler ansonsten hätte getötet werden dürfen. Dem Attentäter sei "moralisches Versagen" vorzuwerfen, weil seine Tat nicht "Resultat einer kenntnisreichen, sachorientierten und nüchternen politisch-moralischen Kalkulation [war], der dann eine mutige und von Fanatismus freie Tat gefolgt wäre". Elser habe vielmehr "seine politische Beurteilungskompetenz überschritten". Fritze bezieht sich hier vor allem auf eine Selbstaussage Elsers, sich wenig mit der nationalsozialistischen Ideologie beschäftigt zu haben und auch nie einschlägige Bücher und Zeitschriften gelesen zu haben. Sein Ergebnis: Ein Durchschnittsbürger habe 1938 nicht begründet die weitere Entwicklung vorhersehen können. Zusätzlich habe Elser mit der gewählten Anschlagsart bewusst unschuldige Opfer mit einkalkuliert, hätte am Ort des Geschehens verbleiben sollen und nach Hitlers vorzeitigem Aufbruch die Entschärfung der Bombe veranlassen müssen. Er rückt damit Elser bewusst in die Ecke von Terroristen von RAF und ETA. So Fritze zusammenfassend...

Doch nicht Elser war der Extremist, sondern das NS-System. Wer anders argumentiert, blendet die konkreten Umstände aus. Und dieses System hatte – auch wenn Fritze es nicht wahrhaben will – bis 1938 schon mehrfach seinen verbrecherischen Charakter gezeigt. Auch die Kriegsvorbereitungen waren nicht mehr zu übersehen. Der Festakt im Bürgerbräukeller bot eine der wenigen, vielleicht die einzige Gelegenheit, Hitler und die engste NS-Führung zu treffen. Um sein Bild vom gewissenlosen Bombenleger aufrechtzuerhalten unterschlägt Fritze nicht nur die von Elser an den Tag gelegte Sorgfalt (Hätte Hitler noch geredet, wäre nicht serviert worden, wären nur Hitler und die in seinem Umkreis sitzende engste NS-Führung betroffen gewesen), sondern auch die in den Akten belegten Selbstvorwürfe und sein Mitgefühl für die Opfer seines Scheiterns.

Gelingt es, Elser zu delegitimieren, vermeidet man unangenehme Fragen: Wenn schon ein Schreiner hätte wissen können und handeln dürfen, warum haben dann nicht viel „kompetentere“ Menschen, die sogenannten Eliten gehandelt? So vermeidet man auch die Antwort auf diese Frage, die dann lauten könnte: Weil sie die Ziele des Regimes, vor allem die Ausschaltung der Parteien und Gewerkschaften, die Aufrüstung und den Eroberungskrieg mittrugen und dafür die Verbrechen mit in Kauf nahmen.

Aber nicht nur die Eliten werden entlastet, sondern auch das Mitläufertum des kleinen Mannes wird entschuldigt. Wer nichts wissen konnte, musste auch nicht handeln. Passivität ist nur die Einsicht in die eigene begrenzte „Beurteilungskompetenz“. Wenn der Anschlag wie jede andere politisch motivierte Gewaltanwendung gegen das Regime moralisch nicht zu rechtfertigen ist, hat man als Mitläufer und Befehlsempfänger die einzig richtige Reaktion an den Tag gelegt.

Ende der 1970er Jahre beschlossen die Kultusminister, den Widerstand gegen das NS-Regime auch aus einer alltagsgeschichtlichen Perspektive in den Schulen zum Thema zu machen. Es ging darum die Notwendigkeit individueller Auflehnung gegen staatliches Unrecht zum Gegenstand im Unterricht zu machen.

Backes, Fritzes Mentor hat einmal gefordert, der Historiker dürfe nicht immer nur der historische Ankläger, sondern müsse auch der Verteidiger sein. Aber hier geht es nicht um ein gerechtes Urteil, sondern um einseitige, an den historischen Fakten vorbeigeführte Entlastung und Relativierung, eingebettet in den von reaktionärer Seite gestarteten Versuch, den Deutschen eine Versöhnung mit der Geschichte zu verordnen – einer Art Schlussstrich unter das dunkelste Kapitel der Geschichte.

Diesen Schlussstrich darf es nicht geben. Die Bundesrepublik baut auf die direkten Erfahrungen und Lehren der NS-Zeit auf. Auf der Notwendigkeit des selbst wertenden und aktiven Staatsbürgers und nicht des Untertans, den vor allem reaktionäre Kreise offenbar reaktivieren wollen. Auch für Elsers Attentat kann es nur eine Wertung geben:
Sein Versuch ist besonders erinnernswert: Er hat sich alleine gegen das Regime gestellt – und das zu einem Zeitpunkt als es geradezu unbesiegbar erschien.

Hinweis: Endstation Rechts widmet dem Dresdner Historikerstreit, der auf die Veröffentlichung von Fritze folgte, eine Themenwoche:
http://www.endstation-rechts.de

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